Die Fiorenzato All Ground Sense GBW ist meine aktuelle Hauptmühle – und das aus gutem Grund. Für ~900 € bekommt man 64mm-Flatburrs, eine präzise eingebaute Waage, werkzeuglose Reinigung und ein homogenes Mahlbild, das ich von meiner Eureka Mignon Specialita so nicht kannte. Kein WDT mehr nötig. Kein erneutes Einmahlen nach der Reinigung. Wer auf diesem Niveau angekommen ist, fragt sich wirklich: Wieviel Mehrausgabe würde noch einen spürbaren Unterschied bringen?
Warum ich von der Eureka gewechselt habe
Ich hatte jahrelang die Eureka Mignon Specialita – eine gute Mühle, keine Frage. 55mm-Flatburrs, stufenlose Einstellung, bekanntes Mahlbild. Für den Einstieg bis Mittelklasse eine absolut solide Wahl. Aber irgendwann möchte man den nächsten Schritt machen. Nicht weil man muss, sondern weil man spürt, dass da noch etwas geht.
Die Fiorenzato war dabei nicht die günstigste Option – wir reden von ~900 €, einer ganz anderen Preisklasse. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, weil sie meine drei wichtigsten Kriterien abdeckt: präzises Mahlbild, integriertes Wiegen und einfache Reinigung. Das Ergebnis im Tässchen rechtfertigt die Investition.
Verarbeitung & Erster Eindruck
Die All Ground Sense macht sofort klar, dass man es mit einer anderen Liga zu tun hat. Das Gehäuse ist Metall, das Gewicht spürbar, die Verarbeitungsqualität hoch. Sie ist in verschiedenen Farben erhältlich und hat einen großen, einrastenden Ein/Aus-Schalter mit angenehmer Haptik. Einziger Kunststoff-Anteil ist der Frontaufsatz – der ist aber hochwertig und macht optisch was her.
Eine Sache zu beachten: Die Mühle ist deutlich höher als viele Alternativen. Mit Bohnenbehälter überragt sie auf meiner Ablage sogar die ECM Mechanika Max. Wer wenig Abstandshöhe über der Arbeitsfläche hat, sollte das messen.
Mahlqualität: Homogen, kaum Klumpen
Das ist der Bereich, der mich am meisten beeindruckt hat. Das Mahlgut ist außergewöhnlich homogen. Kaum Klumpen, kein Puder-Nebel, alles landet sauber im Siebträger. Der Unterschied zur Eureka ist klar spürbar – sowohl optisch als auch im Espresso-Ergebnis.
Ich habe mein WDT-Tool – selbst gebastelt, Korkstopfen mit Haushaltsnadeln – seit dem Wechsel kaum noch in der Hand gehabt. Die Mühle macht es schlicht unnötig. Wer viel Zeit damit verbracht hat, Klumpen aufzubrechen und das Mahlgut gleichmäßig zu verteilen: hier fällt das weg.
Die 64mm-Scheiben spielen dabei eine wichtige Rolle. Größere Scheiben = weniger Reibungswärme = stabileres Aroma. Ob man das in der Tasse direkt heraushört, ist Geschmackssache – aber das homogenere Mahlbild ist messbar und sichtbar.
Gewichtsfunktion (GBW): Wie genau ist sie?
Das ist das Herzstück der Mühle. GBW – Grind by Weight – bedeutet: du stellst das Zielgewicht ein (bei mir 19,5 g), hängst den Siebträger ein, drückst die Dose-Taste, und die Mühle stoppt automatisch wenn das Gewicht erreicht ist. Kein Nachmessen, kein Korrigieren.
In meinen Tests lag die Abweichung bei 0,2–0,3 g, viele Shots haben exakt getroffen. Das ist für eine integrierte Waage sehr gut. Zum Vergleich: die Eureka Mignon Libra (Specialita mit Waage) braucht nach dem Einschalten eine ca. 2-Sekunden-Wartezeit vor dem Einhängen, dann wieder vor dem Mahlen – sonst erscheint eine Fehlermeldung. Das nervt auf Dauer enorm.
Die Fiorenzato löst das eleganter: Siebträger einhängen, Maschine erkennt das Gewicht sofort, tariert automatisch. Wenn die Maschine schon läuft und der Siebträger bereits eingehängt ist, erkennt sie das auch – keine Warteroutine, kein Timing-Spiel.
Abweichung in meinen Tests: 0,2–0,3 g. Bei 19,5 g Zielgewicht also 19,2–19,5 g. Kein Siebträger darf eingehängt sein, ohne dass die Mühle läuft – der eingebaute Sensor verhindert versehentliches Mahlen ins Leere.
Hands-Free & Workflow
Die gummierte Gabel hält den Siebträger stabil – kein Verrutschen während des Mahlens, was ich von der Eureka anders kannte. Mit meinem ECM-Siebträger und einem Dosierring passt das gut zusammen, man muss die Höhe nur einmal per Imbus-Schraube einstellen.
Ein kleiner Vorbehalt: Die Gabel geht in ihrer niedrigsten Position gerade so tief genug für meinen Trichter. Wer einen höheren Dosierring benutzt, könnte hier Probleme bekommen. Für Fiorenzato wäre das ein Verbesserungsvorschlag – die Gabel sollte noch etwas weiter nach unten verstellbar sein.
Display & Einstellungen
Das Display ist übersichtlich und reagiert gut. Ich mahle eigentlich ausschließlich Doppelshots (19,5 g), deswegen nutze ich das Menü selten – aber die Möglichkeit, Einzelshot, Doppelshot, Moka (3 Größen) und Filter (3 Größen) einzuspeichern, ist durchdacht. Wer zwischen verschiedenen Brewing Methods wechselt, findet hier ein strukturiertes System.
Besonders nett: der manuelle Mahlknopf (Hand-Symbol) zeigt während des Mahlens live das Gramm-Gewicht an – hilfreich zum Spülen oder Einmahlen nach Bohnenwechsel. Und die Maschine sperrt das Mahlen, wenn kein Siebträger eingehängt ist – das ist eine sinnvolle Sicherheitsfunktion, die verhindert, dass man aus Versehen auf dem Tisch mahlt.
Einziger Kritikpunkt am Display: Die Anzeige nach manuellem Mahlen erlischt etwas schnell. Das könnte länger stehen bleiben.
Mahlgradeinstellung: Die Schwäche
Hier hat Fiorenzato Nachholbedarf. Das Drehrad hat Markierungspunkte, aber keine Zahlen. Man zählt Punkte und merkt sich, wo der eigene Mahlgrad liegt. Das funktioniert im Alltag, ist aber umständlicher als ein nummeriertes System. Andere Hersteller lösen das besser.
Was hingegen sehr gut gelöst ist: Das Drehrad strukturiert die Mahlbereiche. Man sieht klar, wo Espresso aufhört und Moka beginnt – das Display wechselt bei Überschreiten der Markierung automatisch auf das entsprechende Profil.
Reinigung: Das absolute Highlight
Das ist der Moment, bei dem man wirklich merkt, dass jemand mitgedacht hat. Kein einziges Werkzeug, keine Schraube, keine Frustration.
- Maschine ausschalten und vom Strom trennen
- Bohnenbehälter abnehmen, Restbohnen entleeren
- Drehrad auf Reinigungsposition drehen (Pfeilmarkierung auf Rot)
- Knopf drücken – Außenring löst sich, obere Mahlscheibe lässt sich herausziehen
- Mit Pinsel und Staubsauger reinigen, Maschine kurz umdrehen
- Magnetisch befestigten Auslaufkanal unten abziehen, separat reinigen
- Alles wieder zusammensetzen – Mahlscheibe rastet in Originalposition ein
Der entscheidende Punkt beim letzten Schritt: Die Mahlscheibe rastet immer in derselben Position ein. Nach der Reinigung bin ich sofort wieder auf meinem eingestellten Mahlgrad – kein Einmahlen, kein Suchen. Das ist bei günstigen Mühlen nicht selbstverständlich und macht einen riesigen Unterschied, wenn man die Mühle regelmäßig reinigt.
- Sehr homogenes Mahlbild, kaum Klumpen
- Eingebaute Waage (±0,2 g) mit sofortiger Auto-Tarierung
- Werkzeuglose Reinigung in unter 5 Minuten
- Mahlscheibe kehrt nach Reinigung exakt in Ausgangsposition zurück
- Hands-Free-Halterung mit Gummigrip – kein Verrutschen
- 64mm gehärtete Stahlscheiben
- Espresso / Moka / Filter in einem Gerät
- Sicherheitssensor: kein versehentliches Mahlen ohne Siebträger
- Mahlgradskala ohne Zahlen – nur Punkte (schwer reproduzierbar)
- Lautstärke: etwas lauter als Eureka Mignon
- Gabelhalter geht nicht tief genug für hohe Trichter
- Display-Anzeige nach manuellem Mahlen erlischt zu schnell
- ~900 € – deutlich teurer als Einsteigermühlen
Für wen lohnt sich die Fiorenzato?
| Profil | Empfehlung |
|---|---|
| Einsteiger, erste Mühle | Zu teuer und zu viel Mühle. Eureka Mignon Specialita reicht. |
| Mittelstufe, Eureka vorhanden | Spürbarer Sprung – wenn Homogenität und Waage wichtig sind: ja. |
| Wer regelmäßig reinigt | Klares Ja – die werkzeuglose Reinigung ist alltagstauglich wie keine andere. |
| Tägliche GBW-Nutzer | Einer der besten GBW-Implementierungen unter 1.000 €. |
| Gelegentlich auch Moka/Filter | Gut geeignet – mit Einschränkungen beim Filterkaffee-Mahlbild. |
Mein Fazit
Die Fiorenzato All Ground Sense GBW ist für mich das Ende eines langen Suchens. Ich hatte die Eureka Mignon als Einstieg, habe verschiedene Siebträger kommen und gehen sehen – und diese Mühle fühlt sich nach dem natürlichen Endpunkt auf diesem Preisniveau an. Nicht weil es nichts Besseres gibt, sondern weil ich mich frage: Was würde ich für den nächsten spürbaren Schritt noch ausgeben? Und lohnt sich das für einen Hobby-Barista?
Das Mahlbild ist so homogen, dass mein WDT-Tool in der Schublade liegt. Die Waage ist so zuverlässig, dass ich keine externe brauche. Die Reinigung macht sogar ein bisschen Spaß. Und nach der Reinigung mahlt sie sofort wieder exakt gleich wie vorher.
Kleiner Abzug für die fehlenden Zahlen auf dem Mahlgraddrehrad und die etwas lautere Betriebsgeräusch. Aber das sind Kleinigkeiten auf hohem Niveau. Mein Urteil: 4,5 von 5 – ein klares Empfehlung für alle, die den nächsten Schritt wollen.
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